Mit Harper Lees Roman „Wer die Nachtigall stört“ habe ich mein Buch des Jahres gelesen und ärgere mich im Nachhinein darüber, es nicht früher für mich entdeckt zu haben.
Der Klassiker ist das einzige Werk der 1926 geborenen Autorin Harper Lee, die heute zurückgezogen in New York lebt.
Die Geschichte um Jean Luise, genannt Scout Fink, ihren Bruder Jem und den Vater Atticus spielt in den 1930er Jahren in Alabama. Die Mutter starb, als Scout zwei Jahre alt war, und so wird der Vater durch die strenge aber warmherzige Calpurnia, eine Farbige, bei der Erziehung der Kinder unterstützt, die den Geschwistern ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt, ihnen aber auch mit harter Hand gutes Benehmen und Respekt beibringt.
Neben der Familie Fink lernt der Leser die Nachbarschaft kennen, die eine große Rolle spielt und immer gegenwärtig ist. Sei es die scheinbar geisteskranke Mrs. Dubose, die den Kindern durch unflätige Bemerkungen Angst einjagt, sobald sie in die Nähe ihres Hauses kommen. Oder Boo Radley, den die Kinder noch nie zu Gesicht bekommen haben, über den man sich schreckliche Geschichten erzählt, und den die Kinder mit allen Tricks aus dem Haus locken wollen.
Dill ist ein Junge, der die Tante in der Nachbarschaft der Finks jeden Sommer besucht und für Jem und Scout bald ein dicker Freund ist.
Bis Scout sechs Jahre alt ist, wachsen die Kinder wohlbehütet und idyllisch auf. Sie sind sorglos, verspielt, wissbegierig.
Als Scout in die Schule kommt, ändert sich ihr Leben ein Stück weit. Nicht nur die Vorfreude auf den Unterricht und darauf, endlich ein Schulkind zu sein, hat sich in Luft aufgelöst. Sie wird nun auch mit dem Leben konfrontiert, wie es außerhalb ihrer geschützten Zone läuft.
Atticus, der Vater, ist Anwalt und hat die Pflichtverteidigung eines Farbigen übernommen, der der Vergewaltigung angeklagt ist.
Zwar hat Atticus versucht, die Kinder darauf vorzubereiten, dass man ihnen anders gegenübertreten könnte, als sie es gewöhnt sind, dennoch kommt vor allem Scout mit dem Rassismus und den Beleidigungen, die die Kinder nun über sich ergehen lassen müssen, nicht zurecht.
Atticus lehrt Jem und Scout Toleranz und erzieht die beiden zu verantwortungsbewussten Menschen, und dennoch schämt sich Scout oft ihres Vaters.
Erst mit der Zeit sieht Scout was für ein großartiger Mensch ihr Vater ist, der in Zeiten des Rassismus mit Weisheit, Toleranz und Aufrichtigkeit seinen Weg geht und das Richtige tut. Und der für seine Kinder in jeder Situation einsteht.
Für Jem ist der Vater ein Vorbild, aber auch Scout erfährt durch Atticus Taten und seine Aussagen, was im Leben zählt und wichtig ist.
„Wer die Nachtigall stört“ ist ein Buch über das Erwachsen werden, über Rassismus, über Weisheit und Toleranz.
Der feinsinnige Humor macht das gesellschaftskritische Buch mit allen Protagonisten erstaunlich menschlich, die einen Herz erwärmend, klug, tolerant und weise, andere dumm und abgrundtief böse.
Ich weiß nicht wie ich dieses Buch bezeichnen soll, um ihm überhaupt annähernd gerecht zu werden. Es ist jedenfalls zu einem meiner Lieblingsbücher geworden. Ich habe jede einzelne Seite, jeden Satz, jedes Wort zu lesen genossen und empfehle allen nur eins: lest es! Unbedingt!