“Wenn die Mondblumen blühen” ist ein Bestseller aus dem Jahre 1964, der nach langer Zeit wiederentdeckt und neu aufgelegt wurde. Ich hätte auf großen Lesegenuss verzichten müssen, wäre das nicht passiert.
Jetta Carleton erzählt die Geschichte der Familie Soams: Matthew und Callie, sowie deren vier Töchtern Jessica, Leonie, Mathy und zuletzt Mary Jo, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, und über die der Leser am wenigsten erfährt. Mary Jo ist das Nesthäkchen und kommt erst viele Jahre nach ihren Schwestern zur Welt, als Calli die 40 längst überschritten hat.
“Wenn die Mondblumen blühen” ist in mehrere Kapitel unterteilt, in denen die jeweilige Person gerade die Hauptrolle spielt, ohne dass diese Kapitel einer chronologischen Reihe folgen.
Die Geschichte beginnt in einem Sommer in den 1950er Jahren in Missouri, als die längst erwachsenen Töchter wie jeden Sommer zwei Wochen bei ihren Eltern verbringen.
Immer noch fühlen die Mädchen sich wohl auf der Farm, auf der sie aufgewachsen sind, bzw. wo sie die Sommer ihrer Kindheit verbracht haben. Die drei Schwestern Jessica, Leonie und Mary Jo gehen ausgelassen miteinander und mit den Eltern um, lachen und amüsieren sich. Besonders der Humor fällt in diesen Tagen auf, und die Ansichten der Schwestern sind für diese Zeit sehr modern.
Nach dem ersten Kapitel, erfährt der Leser wie die Eltern ein Paar wurden und welche Ereignisse die Ehe überstehen musste.
Dabei stellt sich heraus, dass Matthew, der Vater, der eigentlich sehr schüchtern, zurückhaltend und voller Selbstzweifel ist, nicht immer standhaft war, was Treue und Liebe angeht.
Callie musste viel Geduld und Weisheit zeigen. Diese Weisheit wird ihr allerdings abgesprochen. Sie kann nicht richtig lesen und schreiben, da sie als Kind die Schule früh verlassen musste. Allein diese Tatsache scheint irgendwann einen Keil zwischen die Eheleute zu treiben.
Callie ist für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig.
Die Familie ist gläubig, und manchmal wurde mir die Religiosität beim Lesen zu viel des Guten. Man muss aber die Zeit beachten, in der die Geschichte spielt und die Umstände des Lebens der Familie, in deren Umfeld die Kirchengemeinde eine große Rolle spielt. Dagegen scheinen die Sünden, die sämtliche Familienmitglieder begehen, dem ganzen doch einen etwas bigotten Touch zu verleihen, zeigen aber auch die menschliche und fehlbare Seite der Protagonisten.
Jetta Carletons Schreibstil wurde mit dem von Harper Lee verglichen. Anfangs war ich etwas enttäuscht, weil ich genau das gleiche wie “Wer die Nachtigall stört” erwartet hatte. Diese Enttäuschung hat sich aber bald gelegt. Jetta Carleton schreibt ganz anders als Harper Lee, aber auf keinen Fall weniger gut.
Dass die Töchter, obwohl alle ganz unterschiedliche Charaktere haben, immer noch so zu ihren Eltern halten und auch untereinander ein gutes Verhältnis haben und sich gut verstehen, hat mich beeindruckt, dabei wirkt dieser Umstand keinesfalls gekünstelt, sondern selbstverständlich und Herz erwärmend.
Schicksalsschläge, besonders der Tod einer Tochter mögen dazu geführt haben, dass die Familie fester zusammen gewachsen ist.
Mir hat das Lesen jedenfalls sehr großen Spaß gemacht, und ich habe mich rundherum wohl gefühlt. Dabei durchlebt der Leser bei der Geschichte die ganze Palette der Gefühlswelt. Ärger, Wut, Mitgefühl, Enttäuschung, Liebe, alles ist dabei.
Von allen Protagonisten ist mir Callie am meisten ans Herz gewachsen, die, obwohl sie nicht so viel schulische Bildung vorweisen kann wie ihr Mann und ihre Töchter, von allen am meisten Weisheit zeigt und von deren Geduld, Nervenstärke und Lebensklugkeit ich am Ende überwältigt war.
Laut Anhang soll Jetta Carleton lange an einer Fortsetzung gearbeitet haben. Ihre Papiere wurden aber durch einen Tornado zerstört, und somit hat man den Nachlass leider niemals finden können. Sehr schade.
Ich empfehle Jetta Carletons „Wenn die Mondblumen blühen“ uneingeschränkt weiter.