Der Junge, der Träume schenkte – Luca di Fulvio
Cetta ist eine vierzehnjährige Italienerin, die vergewaltigt wird und einen Jungen zur Welt bringt, mit dem sie im Dezember 1908 ganz allein nach Amerika flieht, um der Armut in Italien zu entkommen. Schon auf der Schiffsreise muss sie ihren Körper an den Kapitän verkaufen, um ihre Überfahrt zu bezahlen.
Kaum in New York angekommen, der Sprache nicht mächtig und ohne Geld, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich einem Zuhälter zu beugen und als Prostituierte zu arbeiten, um sich und ihren Sohn durchzubringen.
Das Kind ist Cettas ein und alles, und als man ihr den Jungen wegnehmen will, wehrt sie sich wehement dagegen und kann sich durchsetzen. Sie wird ihr Kind erziehen und niemand sonst.
Natale, das blonde Baby mit dem dunklen Augen, soll Amerikaner werden. Und so bekommt der Junge durch den Übersetzer gleich bei der Einwanderung einen amerikanischen Namen: Christmas.
Christmas und Cetta kommen bei einem alten italienischen Ehepaar unter. Zusammen mit den beiden Alten, die die Rolle der Großeltern für Christmas übernehmen, leben Cetta und ihr Sohn in einem heruntergekommenen Zimmer, lernen die englische Sprache und glauben weiter an den amerikanischen Traum.
Cetta arbeitet in einem Bordell, Christmas wird von seinen neuen Großeltern betreut, während seine Mutter den Lebensunterhalt verdient.
Als Christmas ein Teenager ist, träumt er von einer eigenen Gang. Durch seine erfundenen Geschichten macht er die Leute glauben, der Anführer der „Diamond Dogs“ zu sein und verschafft sich so Respekt in seinem Viertel. Wer Christmas begegnet, wundert sich nicht nur über seinen Namen, sondern ist auch dem Charme des Jungen und seinem Auftreten erlegen.
Als Christmas Ruth, der Tochter einer jüdischen, wohlhabenden Familie nach einer Vergewaltigung und schweren Körperverletzung das Leben rettet, beginnt die eigentliche Hauptgeschichte. Christmas verliebt sich in Ruth, die jedoch schwer traumatisiert ist und sich von der Welt abkanzelt. Dennoch will Christmas immer für sie da sein, zeigt unendliche Geduld und träumt von einem gemeinsamen Leben mit Ruth. Die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, aus denen die beiden stammen, führen jedoch dazu, dass die Wege der beiden Kinder sich trennen. Wobei Christmas und Ruth sich auch in den folgenden Jahren nicht vergessen können.
Christmas arbeitet lange daran seinen Traum, ein richtiger Amerikaner zu werden und der Armut zu entkommen, zu verwirklichen. Viele Male spielt das Schicksal ihm übel mit und legt ihm Steine in den Weg, oft gibt er auf und lässt sich in den Abgrund reißen.
Manchmal aber tritt er der Gewalt und dem Bösen mit List entgegen, und so hören auch die einflussreichen Verbrecher bald von ihm.
Christmas lernt das Leben auf jeder Seite kennen. Mal ist er oben, dann wieder ganz unten und man muss fürchten, der Junge rutscht ab, und man hofft auf jeder einzelnen Seite des Buchs, dass Christmas es wieder schaffen wird, sich aufzurichten und weiter für seinen Traum zu kämpfen.

Auf knapp 800 Seiten erlebt der Leser mit Christmas dessen Geschichte hautnah mit. Von der ersten bis zur letzten Seite habe ich atemlos und gespannt mit Christmas und Cetta mitgefiebert. Ich war selbst dabei und habe die 20 Jahre im Leben der beiden miterlebt, als wäre ich jemand aus der näheren Umgebung. Sie alle sind mir ans Herz gewachsen, auch Santo, Christmas´ Freund und das zweite Mitglied der Diamond Dogs, Sal, der muffige und grantige Zuhälter Cettas, und all die anderen New Yorker.
Mal war ich schockiert von den Verbrechen auf der Straße und voller Mitgefühl für die Opfer, oft habe ich geschmunzelt über Christmas Klugheit und darüber, wie er selbst einen Mafiaboss um den Finger wickeln konnte.
Der Junge, der Träume schenkte, allein der Titel klingt vielversprechend und passt absolut.
Die Geschichte ist in mehrere Erzählstränge unterteilt. Die Vergangenheit, begonnen 1906, wo es um Cetta als Junges Mädchen geht, als sie noch in Italien lebt und mit ihrer Familie einem Gutsherren dienen muss, bis in die Gegenwart um 1920 bis 1928. In dieser Zeit wiederum erfährt der Leser nicht nur von Christmas, sondern auch von Ruths Leben in den Jahren nach dem schweren Verbrechen, das sie verarbeiten muss und daran zerbricht.
Selbst über Bill, der sich an Ruth vergangen und damit das Leben des Mädchens und sein eigenes zerstört hat, wird viel und ausführlich berichtet – und zeigt die abstoßende Seite der ganzen Geschichte überdeutlich.
Der Junge, der Träume schenkte zeigt keine einzige Länge, ist durchweg unterhaltsam, spannend, traurig, humorvoll und jederzeit voller Leben.
Luca di Fulvio hat mit diesem Buch ein Meisterweg abgeliefert, das ich in kürzester Zeit verschlungen habe. Ich konnte nicht genug bekommen von der ganzen Schreibweise, von den Protagonisten und der Umgebung, daher habe ich rasend schnell gelesen und war am Ende enttäuscht, dass es nicht weiterging und viel zu schnell zu Ende war, aber auch zufrieden, so einen Glücksgriff getan zu haben, als ich das Buch beim Stöbern im Laden entdeckt habe.
Der Junge, der Träume schenkte ist die Neuerscheinung des Monats, wenn nicht sogar des ganzen Jahres 2011.
Ich wünschte, es gäbe eine Fortsetzung der Geschichte um Christmas, Ruth, Cetta, Sal, Santo und all der anderen.
Wenn ich ein Buch wie Der Junge, der Träume schenkte lese, sehe ich bestätigt, dass Lesen das schönste Hobby der Welt ist.
Ich empfehle das Werk uneingeschränkt weiter, es ist ein Buch, das kein Leser verpassen sollte. Wunderschön, packend, es zu lesen macht einfach glücklich und zufrieden.

Meine Meinung:
Mit Harper Lees Roman „Wer die Nachtigall stört“ habe ich mein Buch des Jahres gelesen und ärgere mich im Nachhinein darüber, es nicht früher für mich entdeckt zu haben.
„Wenn die Mondblumen blühen“ ist ein Bestseller aus dem Jahre 1964, der nach langer Zeit wiederentdeckt und neu aufgelegt wurde. Ich hätte auf großen Lesegenuss verzichten müssen, wäre das nicht passiert.
Die Geschichte wird aus Natalies sicht erzählt, die mit 17 Jahren die Farm der Eltern verlassen hat und seither weit weg von zu Hause lebt.
Meine Meinung:
Familie O´Brien ist aus Irland nach Neuseeland ausgewandert. Im Buch wird allerdings klar, dass sie nicht, wie in der Kurzbeschreibung erwähnt, aus Not ihre Heimat verlassen haben. Sie gehörten in Irland zum sog. Kleinadel, wollten aber höher hinaus und sahen in der Schafzucht eine neue Chance. Die Geschichte beginnt nicht in Irland, die Auswanderer sind bereits in ihrer neuen Heimat angekommen. Hauptsächlich geht es um das Leben von Siobhan und Emily. Emily, die einzige Tochter der O´Briens, handelt gegen ihr Herz und ihren Verstand und heiratet. Siobhan ist mit Walter, dem ältesten Sohn verheiratet, der im Bett nur Leistung zeigt, in dem er seine Frau verprügelt und sie Hure nennt. Es kommt, wie es kommen muss, Siobhan verliebt sich in einen Maori, verlässt ihren Sadomaso- Ehemann aber nicht, und dass Emily die falsche Wahl getroffen hat, ist auch gleich klar. Ich habe beim Lesen den Fehler gemacht, das Buch mit den Neuseeland-Romanen von Sarah Lark zu vergleichen. Natürlich kann „Das Lied der Sonnenfänger“ da aber nicht mithalten. Weder von der Landschaftsbeschreibung, die fast komplett fehlt, noch von den Charakteren, die nicht vielschichtig genug sind oder vom Verlauf der Geschichte, der einfach fad ist und vorhersehbar. Man kann das Buch schnell weglesen, keine Frage, aber es wird nicht nachwirken und nicht in Erinnerung bleiben